Laudatio auf La Traviata
Dr. Ulrike Lohwasser, MTV Quedlinburg
Liebes Theaterpublikum, lieber Herr Rieger, liebes Team des Harztheaters,
mir wird heute die große Ehre zuteil, die Laudatio auf die beste Inszenierung der Spielzeit 2024/2025 zu halten. Die Jury hat sich sehr schnell und einstimmig auf dieses Werk festgelegt. Wir ehren heute eine Produktion, die nicht bloß aufgeführt wurde, sondern die uns berührt, in ihren Bann gezogen und das große Theater in seiner ganzen Kraft erlebbar gemacht hat: La Traviata.
Giuseppe Verdi schrieb mit La Traviata eines seiner bewegendsten Werke – ein Opus voller Liebe, Leidenschaft, Schmerz und gesellschaftlicher Brüche. Die Geschichte der Violetta Valéry, der Kurtisane, die trotz schwerer Krankheit nicht von der Hoffnung auf Liebe lassen kann, ist eine Parabel auf das Menschsein: Wie leben wir, wenn wir lieben? Wie stark sind die Mauern, die die Gesellschaft uns errichtet? Und wie groß ist die Würde eines Individuums, das sich erhebt gegen das Urteil der Anderen?
Das Harztheater hat sich dieser Aufgabe gestellt – und mit Respekt und Mut eine Produktion geschaffen, die all dies nicht nur erzählt, sondern spürbar macht. Unter der musikalischen Leitung von Harutyun Muradyan begegnet uns Verdis Partitur in voller emotioneller Klarheit und musikalischer Tiefe. Die Harzer Sinfoniker, der Opernchor des Hauses und die Verstärkungschöre formen ein Klangbild, das nicht nur unterstützt, sondern mitreißt und trägt.
Regisseur Oliver Klöter und sein Ausstatter Darko Petrovic haben mit ihrer Inszenierung eine visuelle und szenische Sprache gefunden, die Violettas innere Zerrissenheit, ihren Mut und ihre Zerbrechlichkeit nicht schildert, sondern leben lässt. Ein ausdrucksstarkes Bühnenbild, eine klare Personenführung und eine szenische Kraft, die sich nicht in Effekten verliert, sondern dem Kern des Dramas nachspürt – all dies machte die Inszenierung zu einem Gesamtkunstwerk.
Die Besetzung trägt diese Vision mit hoher Kunstfertigkeit: Violetta Valéry, gesungen von Jessey-Joy Spronk, lotet das Spektrum zwischen Glanz und Verzweiflung aus, Alfredo Germont (Max An / Francisco Huerta) und Giorgio Germont (Juha Koskela) sind sowohl Dialogpartner als auch Spiegel für Vorstellungen von Ehre, Verpflichtung und Opfer. Aber auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt, Flora (Regina Pätzer), Annina (Stephanie Goodwin), und alle anderen – bringen Tiefe, Glaubwürdigkeit und Engagement in ihre Rollen.
Aber vor allem: La Traviata in dieser Fassung am Harztheater war ein Geschenk an das Publikum. Eine Inszenierung, die zeigt, dass Oper nicht Vergangenheit ist, sondern Gegenwart sein kann. Eine Inszenierung, die Mitgefühl weckt, wachrüttelt – und die, wenn die letzte Note verklungen ist, nachklingt in unseren Herzen.
Für mich persönlich war diese Inszenierung mehr als nur ein Opernabend. Ich habe gespürt, warum ich das Theater so liebe: Weil es Momente schafft, die unvergesslich sind, mir standen am Ende die Tränen in den Augen.
Herzlichen Glückwunsch an La Traviata